Lebensgeschichte – 10

 



 

 

SUROY-SUROY’S GESCHICHTE VON 1976 BIS 2009

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4.Teil – Der pute (weiss) Jeepney Fahrer von Cebu City

Ich wollte wissen wie das ist, wenn man einen ganzen Tag von früh bis spät einen Jeepney fährt. Als Fahrer, nicht als Fahrgast. Meine Frau war davon gar nicht begeistert. Hab ich nicht verstanden. Ich hatte mir den Donnerstag zum Fahren ausgesucht, da hatte Schwager dann seinen freien Tag. Ich bekam einen der jüngeren Brüder von meiner Frau als Conductor (Schaffner) zugewiesen. Na ja, und Schwiegervater war ja auch noch auf der Streckeunterwegs. In diesen verbauten Dingern tat nache einiger Zeit natürlich alles weh. Aber durchgehalten habe ich viele Wochen.

 

 

Also ich hatte meinen Conductor der am hinteren Eingang vom Jeepney hing und während der Fahrt immer die Zwischenstationen und das Endziel brüllte. Ich lernte mit der Zeit zu erkennen was ein potentieller Fahrgast am Strassenrand sein könnte und auch in die Seitenwege hineinzuschauen ob da jemand kommt. Mit der Zeit lernte ich auch die Stellen kennen, wo Leute aus zurückliegenden Wohngebieten zur Hauptstrasse kamen. Wenn jemand am Strassenrand ein Zeichen gab, er wolle mit, klopfte mein Conductor aufs Dach. Nochmaliges Klopfen oder „Sege“ brüllen, hiess ich kann weiterfahren, alle sitzen oder halten sich, wenn sie auf dem Trittbrett stehen, fest. Selbst wenn drinnen noch Sitzplätze frei waren, wollten viele doch lieber auf dem Trittbrett mitfahren. Kostete nur die Hälfte. An den Endstationen gab es noch zusätzliche „Barker“ die immer wieder die Zwischenstationen und das Endziel ausriefen und auf den Jeepney zeigten, der als nächster abfahren würde. Abgefahren wurde nur wenn voll. Zuerst habe ich dieses Brüll-Ansagen nicht verstanden. Aber es gab und gibt viele Leute die nicht lesen und schreiben können. Da hilft die Aufschrift am Jeepney nicht viel. Der Barker bekam nach dem der Jeepney voll war einen Obolus, ich glaube den Gegenwert von einem zahlenden Fahrgast.

Einer der begehrtesten Plätze im Jeepney waren die vorderen Sitze neben dem Fahrer. (Man sollte die Jeepneys so bauen das alle vorne sitzen können ). Haha, ganz besonders bei den Schulmädchen, die mit einem weissen Jeepneyfahrer zur Schule gefahren werden wollten. Nun verstand ich auch warum meine Frau nicht wollte das ich Jeepney fuhr. Nach kurzer Zeit wurden die Mädels immer mehr die vorne mitfahren wollten und es gab Gerangel. Einige kamen dann auf die Idee schon vorher auf der anderen Strassenseite mit dem noch leeren Jeepney erstmal in die falsche Richtung zu fahren um dann von der Startstation gleich vorne sitzen zu können.

Eines dieser Schulmädchen habe ich später durch Zufall hier in DE wieder getroffen. Wir waren bei Freunden im Ruhrgebiet eingeladen und die brachten uns zu deren Freunden. Und so beim Erzählen sagte sie, sie käme aus Cebu City. Und als ich sie nach dem Ortsteil fragte, war das einer der auf meiner damaligen Jeepney Route lag. Sie erzählte dann auch noch weiter, dass sie damals mit ihren Schulfreundinnen mit einem weissen Jeepneyfahrer gefahren wäre. Wir hatten uns natürlich nicht erkannt. Aber die Welt ist wirklich klein. Hallo Dina in G. haha.

Manchmal war es auch ganz gut, dass ich eine Langnase war. Es kam die Zeit der Bezinknappheit und -rationierung. Auch ohne zu schmieren bekam ich in dieser Zeit immer 2 Oelfässer vollgefüllt. Die fuhr ich nach Hause und dort betankten wir dann alle 3 Jeepneys. Wenn die anderen Fahrer maulten, weswegen ich 2 Tonnen voll bekam und sie nur eine Tankfüllung, bekamen sie als Entschuldigung zu hören, das wäre für mein Boot. Das war nicht meine Idee, ich hatte kein Boot.

 

 

Auf einer meiner Fahrten, in Höhe von Carbon Markt, auf der anderen Seite ist eine Schule mit einem Bogengang als Bürgersteig, lag eine alte Frau. Bisher hatte sich keiner um sie gekümmert. Ich liess alle Leute aussteigen und durch meinen conductor und noch jemanden die Frau hinten in den Jeepney legen. Dann mit vollem Licht und hupend ins nächste öffentliche Krankenhaus. Ein Polizist war auch noch dazu gekommen und fuhr hinten auf dem Jeepney mit und trillerte auf seiner Pfeife. Das war gegenüber der Hauptfeuerwache. Dort haben wir die alte Frau in der Notaufnahme abgeliefert. Ich bin da mit rein. Das hätte ich lieber bleiben lassen sollen. Nichts als Dreck, überall.

Als wir später abends wieder zuhause waren, habe ich meinen Leuten erklärt, wenn ich mal einen Unfall habe, und egal wer mich dorthin bringt, und ich sollte das überleben, den bringe ich um.

Als ich vom Krankenhaus wieder wegfahren wollte, wollte der Polizist meinen Führerschein sehen und steckte ihn ein. Aber Hallo, was das denn soll. Es könnte wohl sein, dass ich die Frau umgefahren hätte. Auch der conductor erzählte ihm wie wir die Frau gefunden hätten, aber er wollte davon nichts wissen. Deswegen war mein conductor auch nicht begeistert davon, dass ich alle habe aussteigen lassen und die alte Frau einladen liess. Er hätte es lieber wie die anderen gemacht, zur anderen Seite geschaut und nichts gesehen. Inzwischen war auch Schwiegervater mit dem anderen Jeepney eingetroffen. Auch das half nichts. Jetzt war ich mittlerweile gut in Fahrt. Ich habe mir von dem Polizisten eine Quittung für meinen Führerschein geben lassen. Dann bin ich zum „Freeman“ gefahren, das ist die lokale Zeitung. Dort habe ich dem Redakteur den Fall geschildert. Hahaha. Am nächsten Morgen die Schlagzeile im Freeman: German helps old woman threated by police. Ich hatte im Artikeldazu noch gesagt, dass ich es mir das nächste mal gut überlegen würde, ob ich einem Filipino in Not helfen würde, nach so einer Behandlung durch die Polizei.

Nach der Zeitung waren Schwiegervater und ich noch bei meinem „Maninoy“ (Trauzeuge), dem police comander von Talisay. Na gut der wolle sich darum kümmern. Am nächsten Tag sind wir dann zur Polizeiwache und wurden dem dortigen comander vorgestellt. Auf seinem Schreibtisch lagen der „Freeman“ und mein Führerschein. Er hatte auch schon einen Anruf aus Talisay erhalten. Er gab mir den Führerschein ohne Entschuldigung zurück, das war wohl zuviel verlangt, aber mit der Bemerkung, ich hätte ja nicht gleich zur Zeitung gehen müssen. Ach ja, und in der Polizeiwache fielen mir die Zellen der Gefangenen auf. Wie Tierkäfige im Zirkus, nur diese waren 2 stöckig übereinander und da hockten Männlein und Weiblein drin. Das passte irgendwie zu dem Krankenhaus.

Meine Erfahrung: Dies war kein Einzelfall. Es hat mehrer Fälle gegeben mit Unfällen, bei denen ich mit im Auto gesessen habe, aber nicht gefahren habe. Sehr schnell wird behauptet, dass die Langnase gefahren hat, weil man sich davon Geld verspricht. Ich halte mich heute zurück mit helfen. Ich rate sogar dringend davor ab zu helfen, wenn es sich um Dritte handelt. Lasst das erstmal die Filipinos selber in die Hand nehmen.