Lebensgeschichte – 34

 



 

 

SUROY-SUROY’S GESCHICHTE VON 1976 BIS 2009

34

 

Man fand USD 42,500 bei mir. Davon 42,000 verteilt auf beide Schuhe in den Socken getragen und noch 500 in meiner Anzugtasche. Diese 500 Dollar werden später noch ein Rolle spielen.

 

 

Ich wurde in einen Raum gebracht und alleine gelassen. Nach einer Weile brachte man auch noch mein eingechecktes Gepäck und da sass ich nun und versuchte meinte Gedanken zu ordnen. Ich muss Stunden dort gesessen haben. Ab und zu schaute mal jemand rein. Später brachte man noch einen jungen Mann, auch Ausländer, herein. Wir kamen etwas ins Gespräch aber jeder hatte mit sich selber zu tun. Aber mit einem Mal sprang er auf, öffnete sein Gepack, holte ein kleines Päckchen hervor und versteckte es in den Radiatoren der Heizung. Mit einem breiten Grinsen meinte er, die würden schon ihren Spass damit haben wenn später mal die Heizung angemacht wird und nach „Grass“ riechende Schwaden durch den Raum ziehen würden.

Am späten Nachmittag wurden wir abgeholt und zu einer Polizeiwache in Seoul gebracht. Auch dort dauerte es noch eine Weile bis sich jemand für mich zuständig fühlte. Die mussten wahrscheinlich erstmal einigermassen englisch sprechende Polizisten suchen, die den Fall übernehmen konnten. Ich versuchte erstmal so wenig wie möglich zu sagen und war froh, dass David nicht auch noch irgendwo aufgetaucht war. Denn das hiess für mich, er ist nach Japan ausgeflogen und wird ja bemerkt haben, dass ich es nicht zum Flieger geschafft habe. Spätestens bei der Ankuft in Japan müsste er bemerken das ich nicht da war und Alarm schlagen damit Steve sofort die Sachen packt und ausreist. Solange wollte ich schon dichthalten.

Ich sass auf irgendeiner Polizeiwache in einem Verhörraum mit einem Schreibtisch und Stuhl und einer Pritsche.Irgendwann kam jemand und versuchte mich auszufragen. Einmal brachte mir jemand etwas zu essen und mal einen Kaffee. Irgendwann schlief ich ein. Es muss spät in der Nacht gewesen sein, ich wurde durch lautes Geschreie wach. Wenn ich mich nicht täuschte, glaubte ich Davids Stimme zu erkennen. Ich dachte, das kann doch nicht sein und war der Meinung, ich müsste wohl träumen. Später kamen wieder zwei Polizisten zum Verhör und liessen mich wissen das man meinen Kumpel auch geschnappt hätte als er abends mit dem Flieger wieder zurück kam. (Als wir später nach den Verhören alle zusammen in U-Haft sassen, erzählte David er hätte einfach nur gedacht, ich hätte aus irgendwelchen Gründen den Flug nicht genommen und wäre in Seoul geblieben. Dabei hatte er gesehen, dass ich eingecheckt hatte. Er war nach Tokio geflogen hatte sich 2 kg Gold gekauft und war wieder zurück nach Seoul geflogen. Nach seiner Aussage hat er die Polizei erst bemerkt als er im Taxi vom Flughafen in die Stadt fuhr. Er hat dem Taxifahrer gesagt er wolle ins Hyatt. Dort hat er dann auch eincheckt und sich in seinem Zimmer eingeschlossen und ist nicht mehr rausgekommen. Gegen Mitternacht hat die Polizei die Tür aufgebrochen und ihn da rausgeholt und verhaftet und mitgenommen. Zu dem Zeitpunkt hat er die beiden Barren immer noch in den Socken an die Füsse geklebt getragen. Die Polizisten hatten sein Gepäck durchsucht aber nichts gefunden. Es hat Stunden gedauert bis sie die Barren in seinen Schuhen gefunden hatten. Das war dann wo es im Nachbarraum laut wurde und der Lärm mich weckte.)

Da brach für mich eine Welt zusammen. Denn wenn sie David hatten, dann hat der auch nicht Steve angerufen und der war immer noch ahnungslos in Seoul und nicht wie ich gehofft hatte, bereits auf dem Wege nach Hong Kong und mich würde in Kürze ein Anwalt aufsuchen. Jetzt wurde das Verhör heftiger. Wenn zwei Leute dabei waren, spielten sie gut und böse. Der Böse brüllte und schrie und tobte und es gab auch ein paar Ohrfeigen und dann ging der, dann kam der Gute und versuchte mit beschwichtigenden Worten Informationen zu erhalten. Was sollte ich mich da noch grossartig zurückhalten, David hatten sie schon und es war nur eine Frage der Zeit, wann auch Steve in unserer Mitte sein würde und keine Hilfe von draussen. Die nächste Tasse Kaffee die ich bekam war drugged, was es war kann ich nicht sagen, aber ich fühlte mich leicht und hab glaube ich eine Menge gelabert. Ich wurde in eine andere Polizeiwache verlegt. Ganz moderne Zellen. Aber die verhörenden Polizisten waren immer die Gleichen. Sie waren der Meinung sie wüssten noch nicht genug und boten mir an, mich mit dem Kopf nach unten im Waschraum an die Decke zu hängen und mir Wasser in die Nase laufen zu lassen. Den Waschraum hatten sie mir schon vorher beim Toilettengang gezeigt. Na ja, ein Held bin ich nicht, habe dann alles gesagt was ich wusste oder vielleicht auch Sachen die sie hören wollten. Am dritten Tag sagten sie mir, dass sie jemanden nach Hong Kong geschickt hätten zum „Black Smith’s Arms“ in der Minden Ave. in Kowloon. Da müssen wohl einige falsche Spuren gelegt worden sein. Zu dem Zeitpunkt war auch Steve schon festgenommen worden, aber ich wusste das nicht, habe es mir nur gedacht.

 

 

Am vierten Tag wurde ich ins Seodaemun Untersuchungsgefängnis gebracht. (Heute stehen nur noch einige Gebäude von diesem Gefängnis und und es ist ein Museum, aber nach dem Krieg bis 1987 wurde es von den Koreaner als Gefängnis genutzt.) Hier sah ich dann zum ersten Mal nach der Festnahme David und Steve wieder. Wir konnten aber nicht miteinander sprechen. Wir waren in einer grossen Gruppe koreanischer Neuankömmlinge und es ging zu wie auf dem Kasernenhof. Keiner der Bediensteten sprach englisch. Man bedeutete uns, wie die koreanischen Häftlinge, uns hinzuknien. Wir bekamen zwei „Blaumänner“ und grobe Unterwäsche als Kleidung und mussten unsere private Kleidung abgeben. Alle unsere privaten Sachen wie Uhr, Brieftasche, Geld, Gepäck wurde in einer Liste aufgeschrieben. Meine Sachen waren mir viel zu gross, so dass ich die Ärmel und die Hosenbeine umkrempeln musste um nicht hinzufallen. Reklamationen halfen nicht, angeblich gab es keinen kleineren Plunder für mich. Jeder Gefangene bekam ein schmales schwarz lakiertes Holzbrett worauf in koreanischen Schriftzeichen Name und Nummer in weisser Farbe mit einem Pinsel geschrieben wurde. Dieses Brettchen kam später in einen Behälter neben der Zellentür. Dann wurden die Zellen zugeteilt. Wir drei kamen in den Ausländertrakt. Der Ausländertrakt bestand aus dem Untergeschoss eines zweigeschossigen Backsteingebäudes  Hier waren etwa 8 oder 10 Zellen. Jede Zelle war mit einer schweren massiven Holztür, die teilweise mit Metall beschlagen war und ein kleines vergittertes Fenster hatte, verschlossen. Vor den Zellen war ein grosser Flur, der von einem Querflur durch ein grosses Gitter mit einer Gittertür getrennt war. Vom Flur konnte man durch vergitterte Fenster ein Parallelgebäude sehen. Am Ende des Flures war eine Treppe zum Obergeschoss, aber diese war durch eine hohe starke Sperrholzplatte versperrt. Nach der Treppe kamen die Waschräume und ein Dampfbad.

 

 

Am Flurgitter standen schon die Bewohner dieses Trakts um uns Neuankömmlinge in Empfang zu nehmen. Es war eine bunt gemischte Gruppe. Ich kann mich nur noch an Moshe, den grossen Israeli und an den gedrungenen Amerikaner Tim erinnern. An Tim deshalb, weil ich auf seine Zelle gelegt wurde. Man legte uns drei getrennt auf verschiedene Zellen, da wir nicht miteinander sprechen durften. Es waren bis zu drei Gefangene auf einer Zelle. Zwischen zwei Zellen gab es eine Toilette, sodass sich diese Zellenbewohner gegenseitig besuchen konnten. So konnte ich Steve besuchen oder er mich, das war den Wärtern nicht aufgefallen. Die Fenster waren offen und hatten nur Gitter. Im September war es noch warm in Seoul. An Moshe kann ich mich deshalb erinnern, weil er einige spektakuläre Sachen angestellt hat auf die ich später noch zu sprechen kommen werde. Jetzt gab es für uns Neue zum ersten Mal Gefängnisessen. Was wir an dem Tag noch nicht wussten, dass morgens alle Zellentüren geöffnet wurden und alle Gefangenen in unserem Trakt frei auf dem Flur herumlaufen konnten und alle anderen Gefangenen besuchen konnten. Manche hatten sichSchach– und Damespiele gebastelt, andere joggten auf dem Flur. Am nächsten Tag lernten wir dann nach und nach alle anderen kennen und Steve, David und ich konnten uns endlich austauschen. Erst mal wurde an unserer Story gearbeitet, sodass für später alle unsere Aussagen zusammen passten. Wir sassen da mehrer Tage dran und beschlossen dann, dass wir uns an unsere Botschaften wenden um jemanden kommen zu lassen und sagen wo wir sind. Unsere Eltern, Verwandten, Freundinnen und Freunde wussten bisher ja noch nichts von unserem Missgeschick wenn sie nicht gerade koreanische Nachrichten hören oder sehen. Für Steve war das die australische Botschaft, für David die englische Botschaft. Das sind nach den Amerikanern schon zwei Nationen die etwas bewegen können. Ich machte darauf aufmerksam, dass ich von meiner deutschen Botschaft nicht allzuviel erwarte. Das verstanden die beiden gar nicht. Trotzdem liess ich durch die Gefängnisleitung die deutsche Botschaft in Seoul benachrichtigen und ein paar Tage später kam ein Konsul um sich nach mir zu erkundigen. Die Vorwürfe, dass man mir heimlich Drogen verabreicht hat und die Foltervorwürfe hat er mir einfach nicht geglaubt. Er war der Meinung, so etwas kann er sich in einem zivilisierten Land wie Südkorea nicht vorstellen. Der Blauäugige. Wie wir später erfahren haben, haben die australische und die englische Botschaft ihre Staatsbürger da ernst genommen. Wie auch immer, der Herr Konsul war in soweit behilflich und nett meine Eltern auf die schonende Art zu benachrichten und kam jedesmal wenn ich ihn anrief und brachte immer etwas zu lesen mit.

Die ersten paar Tage waren eingewöhnen und das Beste aus der Situation zu machen. Steve. David und ich hatten oft die Köpfe zusammen gesteckt zur Beratung. Wir wussten noch gar nicht in welch verzwichter Lage wir wirklich steckten