Lebensgeschichte – 35

 



 

 

SUROY-SUROY’S GESCHICHTE VON 1976 BIS 2009

35

 

September – Dezember1983 – Seondaemun Gefängnis, Seoul, Süd-Korea

Und wenn ich das so im Nachhinein bedenke, dann hatten wir im Knast dort wirklich einige extra Privilegien, die die einsitzenden Asiaten nicht hatten. Wir waren tagsüber nicht in unseren Zellen eingeschlossen, sondern konnten uns im Zellentrakt frei bewegen. Die Zellen waren hell und luftig und nur mit höchstens 3 Personen belegt. Wir bekamen oft etwas anderes (besseres), zu essen als die Asiaten und wurden vom Wachpersonal mit Respekt (meistens) behandelt. Einmal im Monat wurde für uns das Dampfbad in Betrieb genommen. Ich hatte bis dahin noch nie das Vergnügen eines Dampfbades.

Man war allerdings jeder Persönlichkeit beraubt, dadurch dass man die „Blaumänner“ tragen musste und nur noch eine Nummer war.

Da die englisch Kenntnisse des Bewachungspersonals gleich Null waren, suchte man einen Übersetzer. Der wurde gefunden in dem Koreaner James. James war lange Zeit in Amerika gewesen und sprach gut englisch. In Amerika war James wegen Mordes an seiner Frau angeklagt, wurde aber von einem amerikanischen Gericht freigesprochen und ging danach zurück nach Korea. Hier wurde er gleich bei der Ankunft für dasselbe Delikt verhaftet und angeklagt. Deshalb musste er auch den ganzen Tag über mit durch Handschellen gefesselten Händen herumlaufen. Da liefen einige mit herum. Entweder waren sie des Mordes angeklagt oder es waren Hinrichtungskanditaten. Manche liefen schon seit Jahren im Gefängnis herum und wussten nicht, wann ihre Hinrichtung sein sollte. Die Todesstrafe wurde durch Hängen ausgeführt. Gleich etwas ausserhalb unseres Zellentrakts waren 2 oder 3 Hinrichtungsstätten mit Galgen. Deswegen hatten wir am Freitag auch niemals PT (Personal Training), auf einfach Deutsch, Sport. Am Freitag war „Hanging Day“. Soweit ich mich erinnern kann, ist in der Zeit als ich dort war niemand gehängt worden.

Steve, David und ich wurden nocheinmal zu einem Besuch beim Staatsantwalt in die Polizeiwache gefahren. Dort war unser grosser Auftritt. Es war extra ein Zimmer hergerichtet worden. Ein Tisch stand in der Mitte des Zimmers, darauf langen alle Beweismittel gegen uns. Zwei Goldbarren, ‚meine‘ Dollarbündel von 42,500 und nochmal etwa 15.000 die man später noch bei Steve gefunden hatte. Wir standen hinter dem Tisch in unseren vorteilhaft kleidenden „Blaumännern“ und zu unseren Seiten breitgrinsende und übereinander herfallende Polizisten und Staatsanwälte, die alle mit ins Fernsehbild wollten. Es waren etwas fünf Kamerateams von verschiedenen TV-Stationen dort. Bei den Abendnachrichten sollte das ganze Land Bescheid wissen.

Später wurden wir nochmals zur Polizei gefahren und wurden dem Richter vorgeführt. Vom Gefängnis zum Gericht ging es in vergitterten blauen Polizeibussen. Vorher bekamen wir alle Handschellen angelegt und dann wurden noch etwa fünf Gefangene mit einem langen Seil um die Hüften und durch die Beine miteinander verbunden.Einmal mussten wir den Weg durch einen unterirdischen Tunnel zu Fuß gehen.

Der Staatsanwalt hatte die Anklage vorbereitet. Verstanden haben wir das erst, als wir wieder zurück im Gefängnis waren und James es uns erklärte, mit einem dicken Gesetzbuch aus der Gefängnisbücherei. Wir waren angeklagt der conspiracy (Verschwörung), der Steuerhinterziehung in Millionen Dollar Höhe und der unerlaubten Arbeitsaufnahme. Auf die Steuerhinterziehung in dieser Höhe stand laut Gesetzbuch die Todestrafe und die Verschwörung verstärkte dies. Bingo! Da sassen wir sprachlos und kreidebleich.

Ein paar Tage später, ich lag auf meinem Bett und starrte auf die gegenüberliegende Wand, dort wo Tim sein Bett hatte.

Jetzt fängt eine Story wie im Kino an.

An der Wand war zu sehen, dass dort etwas eingeritzt geschrieben stand, aber es war mit weisser Farbe übertüncht worden. Dort stand eingeritzt: „If you need a good lawyer“ und eine Telefonnummer. Ich bin gleich zu Steve hin und habe ihm von meinem Fund erzählt. Zu verlieren hatten wir eh nichts und unsere Meinung war, wir sollten es einfach mal versuchen. Wir beantragten bei der Gefängnisleitung, dass man diese Nummer anrufen solle und ob dieser Rechtsanwalt uns sehen wolle. Ein paar Tage später kam ein grosser Koreaner in dunkelblauen Nadelstreifenanzug um uns zu sehen. Er befragte uns und sagte dann, er wolle sich unseren Fall ansehen und dann entscheiden ob er uns helfen kann und vertreten will. Innerhalb weniger Tage war er wieder da. Er erklärte uns, dass er mit derStaatsanwaltschaft und den Richtern gesprochen habe. Der Deal würde darauf hinauslaufen, dass David und ich je $ 4,000 an ihn zu zahlen hätten und wir würden dann noch am Verhandlungstag auf Bewährung verurteilt werden; dass Steve als Mastermind $ 8,000 zu zahlen hätte, da er bei der ersten Verhandlung nicht auf Bewährung verurteilt werden würde. Er müsse in Berufung gehen und dort würde Steve dann auf Bewährung verurteilt werden. Das bedeutete für Steve drei Monate mehr im Gefängnis und Steve war dementsprechend stinkesauer. Aber was sollte er sonst machen, es war die einzige Möglichkeit für uns. In wie weit unser Rechtsverdreher das Geld am Ende verteilt hat und wieviel für ihn blieb, das weiss ich nicht. Ich authorisierte den Konsul von meinem Konto in Hong Kong in meinem Namen $ 4,000 zu transferieren. Ich hatte auch einen Brief an meine Eltern geschrieben und ihnen die Lage erklärt. Meine Eltern überwiesen auch nochmal den gleichen Betrag in meinem Namen an die Deutsche Botschaft in Seoul.

Wir durften jede Woche in extra dafür hergerichteten Räumen Briefe schreiben. Wir bekamen Briefpapier und Umschläge und einen Kugelschreiber der am Ende wieder abgegeben werden musste. Ich schrieb an meine Eltern und an Liebling in Cagayan de Oro City. Irgendwann kamen dann die ersten Briefe an uns und alle waren glücklich, als wir Post erhielten.

Mein Liebling hatte geschrieben, dass sie nachgedacht hätte und der Meinung sei, da ich dort im Knast sitze, sie nicht finanziell unterstützen könne und sie wolle nach Manila gehen und sich einen Job suchen. Im nächsten Brief erzählte sie mir, sie sei nun in Manila und hätte einen Job bei Rudi, dem Besitzer von „Olga Casa Pension“ als Kassiererin in seinem kleinen Restaurant auf der M. H. del Pilar St. gefunden. Nachdem sie Rudi und den anderen dort, die mich kannten, die Geschichte erzählt hatte, was mir in Korea zugestossen war, waren die der Meinung, ich würde nie mehr oder zumindest in der nächsten Zeit nicht mehr wiederkommen. Nun war ich stinkesauer. Erstens wollte ich nicht das Liebling in Manila in Ermita irgendetwas arbeitet und zweitens war sie sehr Niedergeschlagen durch die Sprüche, das es wohl lange dauern könnte bis ich wieder zurück kommen könnte. Ich habe ihr darauf hin einen Brief nach Manila geschrieben, dass sie sofort zurück nach Cagayan de Oro gehen soll und ich könnte sie sehr wohl finanziell unterstützen, auch wenn ich in Korea im Knast sitzen würde. Wie sie mir dann später, als ich wieder zurück war erzählte, ist sie am nächsten Tag wieder zurück nach Cagayan de Oro gegangen und der Konsul hat ihr jeden Monat einen Geldbetrag von mir überwiesen.

Da wir alle zum Glück bei unserer Festnahme Geld bei uns hatten, konnten wir uns im Gefängnis ein Konto damit einrichten. Es gab einen Gefängnisladen wo man sich Sachen bestellen konnte. Einmal die Woche ging ein Mitgefangener herum und schrieb die Bestellungen auf und am nächsten Tag war dann Lieferung. Man konnte Sachen wie Obst und Bonbons oder zusätzliche, bessere Unterwäsche kaufen.

Es kamen zwei Iraner oder Iraker in unseren Trakt. Da war Ärger vorprogrammiert und es gab Auseinandersetzungen mit Moshe und auch Tim und natürlich waren die Europäer und Australier auf der Seite von Moshe und Tim. Die beiden wurden dann nach ein paar Tagen ins Krankenhaus verlegt und bleiben auch später dort. Tim war ein alter Vietnamkämpfer, jetzt vielleicht etwas mehr gedrungen und nicht mehr so fit aber immer noch eine Kampfmaschine. Ich hatte ganz schön Respekt vor Tim. Aber Tim hatte mich, als ich auf seine Zelle kam gleich adoptiert. Tim hatte kein Geld im Gefängnis. Wenn ich mir Bonbons bestellt hatte und Tim meinte ich schlafe, und er sich dann an meiner Bonbontüte zu schaffen machte, da habe ich ihn besser gewähren lassen. Eines Tages, aus welchem Grund weiss ich nicht mehr, kam der Gefängnisdirektor in unseren Trakt und Tim wurde zur Furie. Alle Türen waren ja offen und wir liefen alle auf dem Flur durcheinander. Das war ein ganz grosses Sicherheitsrisiko für den Direktor, keine Ahnung warum das so abging. Jedenfalls etwa in der Mitte des Trakts dreht Tim am Rad und will dem Direktor an den Kragen und ihn mit blossen Händen erwürgen. Zum Glück konnte Moshe, der Riesenkerl, dazwischen gehen, aber er konnten Tim nicht aufhalten. Der Direktor brüllte irgendetwas auf koreanisch an sein Wachpersonal am Flurgitter das Tor zu öffnen, damit er hinaus könne. Der Direktor im Laufschritt auf der Flucht in Richtung Tor, dann Moshe, rückwärtslaufend von Tim vorwärtslaufend wie eine Kampfkugel geschoben, an seinem Kopf beide Hände von Tim vorbei, der immer den Hals vom Direktor greifen will. Da fehlten bloss immer Zentimeter bis der Direktor durchs Tor war und das Wachpersonal schnell das Tor schliessen konnte. Da war der Gute noch einmal davon gekommen.

Im nächsten Bericht gibt es dann kleine, einzelne Knastgeschichten ohne Chronologie, einfach so wie sie mir einfallen.